Das Match kommt, und für einen Moment ist alles hell. Jemand will dich. Zwei Stunden später ist das Gefühl verdunstet, und du scrollst weiter. Wenn dir das bekannt vorkommt, lohnt sich eine Frage, die unbequemer ist, als sie klingt: Begehrst du die Männer, mit denen du schreibst? Oder geht es vor allem darum, begehrt werden zu wollen?
Von innen fühlen sich die beiden fast gleich an. Beide sind intensiv, beide halten dich am Handy, beide können einen ganzen Abend füllen. Sie führen nur in komplett verschiedene Richtungen. Und der Unterschied entscheidet ziemlich viel darüber, wie sich Dating, Sex und Beziehungen für dich anfühlen.
Warum begehrt werden wollen nie satt macht
Das Begehrt-Werden hat eine eigenartige Eigenschaft: Es wirkt sofort und hält fast nicht. Die Nachricht, das Kompliment, das Feuer-Emoji auf dem Foto, all das gibt einen echten Kick. Aber der Kick ist geliehen. Er kommt von außen, und was von außen kommt, muss ständig nachgeliefert werden. Deshalb macht die zehnte Nachricht nicht zufriedener als die erste. Sie hält nur den Pegel.
Die Apps sind daran übrigens nicht schuld. Sie machen eine alte Dynamik nur schneller und sichtbarer: Wenn mein Zustand davon abhängt, wie sehr ein anderer mich will, gibt der andere den Takt vor. Meine Stimmung, mein Abend, manchmal mein Selbstbild hängen dann an einer Antwort, die ich nicht kontrollieren kann. Das ist anstrengend, und es fühlt sich trotzdem wie Verliebtheit an, wie Aufregung, wie Begehren.
Genau da wird es interessant: Woran erkennt man, was da gerade wirklich läuft?
Bedürftigkeit fühlt sich an wie Begehren
Begehren richtet sich auf einen Menschen: Ich spüre etwas, ich will ihn, seine Nähe, seinen Körper, seine Aufmerksamkeit. Bedürftigkeit sieht von außen genauso aus, richtet sich aber auf etwas anderes: auf das eigene Wertgefühl. Der andere ist dann weniger ein Mensch, den ich will, und mehr eine Quelle für ein Gefühl, das ich brauche.
Weil beides sich intensiv anfühlt, hilft der Blick auf ein paar typische Signale. Bedürftigkeit könnte im Spiel sein, wenn:
- dein Interesse zusammenfällt, sobald der andere zögert oder später antwortet als erwartet
- du mit fünf Männern gleichzeitig schreibst und eigentlich keinen davon treffen willst
- sich ein Abend danach bemisst, wie viele Nachrichten gekommen sind
- nach einem Date weniger zählt, wie es dir gefallen hat, als ob er sich wieder meldet
Einzelne dieser Momente kennt vermutlich jeder, das allein sagt noch nichts. Zur echten Frage wird es, wenn das Muster zum Normalzustand geworden ist. Und wichtig: Das ist kein Charakterfehler. Es ist ein erlerntes Muster, und was erlernt ist, kann sich weiterentwickeln.
Wenn du solche Gedanken regelmäßig lesen willst: In meinem Newsletter schreibe ich alle zwei Wochen über Selbstwert, Beziehungen und queeres Leben.
Warum das bei queeren Männern eine eigene Geschichte hat
Viele von uns sind mit der stillen oder ausgesprochenen Botschaft aufgewachsen, dass unser Begehren falsch ist. Wer sein Begehren jahrelang versteckt, verschoben oder überprüft hat, hat oft nie gelernt, ihm einfach zu trauen. Stattdessen ist etwas anderes an seine Stelle getreten: das Begehren der anderen als Beweisstück. Wenn er mich will, bin ich in Ordnung. Das erste Match, das erste Kompliment im Chat, das erste Mal begehrt werden kann sich dann anfühlen wie eine späte Wiedergutmachung.
Vielleicht kennst du das. Nennen wir ihn Lukas, Mitte dreißig. Sonntagabend, er schreibt seit Tagen mit einem Mann, der Chat läuft gut, Lukas ist charmant, schlagfertig, in seinem Element. Dann schlägt der andere ein Treffen vor. Und Lukas bemerkt etwas Seltsames: keine Vorfreude. Eher ein flaues Ziehen, fast Druck. In diesem Moment wird ihm etwas klar, das er so noch nie gedacht hat: Er will diesen Mann gar nicht treffen. Er will, dass dieser Mann ihm schreiben will.
Das ist kein schöner Moment für Lukas. Aber es ist ein ehrlicher. Denn zum ersten Mal steht die eigentliche Frage im Raum: Was will ich denn? Und genau an dieser Frage beginnt Entwicklung.
Begehren beginnt bei dir
Die Antwort heißt nicht, niemanden mehr zu brauchen. Menschen brauchen einander, das ist keine Schwäche, sondern die Grundausstattung. Emotionale Autonomie bedeutet etwas anderes: Dein Wert steht nicht jedes Mal mit zur Abstimmung, wenn du jemandem schreibst. Ein Nein oder ein Schweigen ist dann eine Information über diesen einen Kontakt, keine Bewertung deiner Person.
Und Begehren darf wieder das werden, was es eigentlich ist: etwas, das in dir entsteht. Weil du etwas spürst und willst, nicht weil dich jemand ausgewählt hat. Im größeren Bild gehört das zu dem, was die Sexologie sexuelle Selbstsicherheit nennt: sich selbst als begehrenswert erleben und Freude daran entwickeln, sich zu zeigen. Das ist keine Eigenschaft, mit der man geboren wird, sondern etwas, das man aufbauen kann.
Der Moment, in dem du einem Mann schreibst, weil du ihn willst, und nicht, weil du seine Antwort brauchst, fühlt sich anders an. Ruhiger. Klarer. Und deutlich freier.
Ein erster Schritt
Falls du herausfinden willst, wie das bei dir aussieht, reicht für den Anfang ein einziges Experiment in Selbstbeobachtung: Halte eine Woche lang jedes Mal, wenn du eine Dating-App öffnest, eine Atemlänge inne und stell dir eine Frage. Will ich gerade jemanden? Oder will ich gewollt werden? Beide Antworten sind in Ordnung, und nichts muss sich ändern. Nur bemerken. Ehrliche Antworten auf diese Frage sind der Anfang von allem Weiteren.
Genau das ist die Arbeit, um die es im Queer Space Selbstwert Gym geht: Selbstwert nicht als Ziel, sondern als etwas, das man trainiert, Schritt für Schritt, gemeinsam mit anderen queeren Männern.
Wenn du aber erst einmal kleiner anfangen willst: Mein Selbstwert Boot Camp, ein 5-tägiger kostenloser E-Mail-Kurs für queere Männer, ist ein guter erster Schritt.
Und wenn du tiefer gehen willst, findest du hier mein Angebot als queer-sensibler psychologischer Berater und klinischer Sexologe.
