Am 5. November 2025 durfte ich im Queeren Bildungszentrum Wien meine erste öffentliche Veranstaltung als psychologischer Berater gestalten, gemeinsam mit Peter Fässlacher, dem Autor des Buches Die schwule Seele. Es war ein intensiver, offener und anregender Abend über Scham, Stolz und die Frage, wie wir werden, wer wir wirklich sind.
Scham als Ausgangspunkt der Selbstsuche
Scham ist oft die erste emotionale Erfahrung, die queere Menschen mit ihrer Identität verbinden. Sie zeigt sich als das Gefühl, falsch zu sein, bevor man überhaupt weiß, warum. Der österreichische Psychologe Alfred Adler beschrieb das Gefühl der Minderwertigkeit als universellen Motor menschlicher Entwicklung. Doch während viele daraus Antrieb schöpfen, erleben queere Menschen dieses Gefühl oft als dauerhafte Grundspannung: zwischen dem Wunsch nach Zugehörigkeit und der Angst vor Zurückweisung.
Diese Spannung kann zu Anpassung, Perfektionismus oder Rückzug führen. Oder, wie Adler es nennen würde, zu Kompensation. Doch Scham ist nicht nur lähmend. Sie kann auch Hinweis darauf sein, wo wir uns nach Verbindung sehnen. Erst wenn wir sie sehen und anerkennen, entsteht die Möglichkeit, uns echt zu zeigen.

Zugehörigkeit und das Dilemma der Anerkennung
Viele queere Menschen schwanken zwischen dem Wunsch, gesehen zu werden, und dem Bedürfnis, wirklich anerkannt zu sein. Wir leben in einer Gesellschaft, die auf Heteronormativität basiert und auch innerhalb der Community entstehen neue Normen, wie man „richtig queer“ zu sein hat. Zwischen Heteronormativität und Homonormativität entsteht ein stiller Anpassungsdruck, der sich heute oft in Social Media, Körperbildern und Selbstinszenierung widerspiegelt.
Die Frage bleibt: Wie frei bin ich wirklich, wenn ich ständig damit beschäftigt bin, mich selbst zu kuratieren?
Mut zur Sichtbarkeit und die QUELLE des gesunden Stolzes
Stolz ist das Gegengewicht zur Scham, entsteht aber nicht durch eigene Überhöhung, sondern durch den Mut, sich zu zeigen, trotz des Risikos der Ablehnung. Sich zu zeigen bedeutet, den Blick der anderen zu überstehen, ohne sich in ihm zu verlieren. Und es bedeutet, Verbundenheit nicht über Anpassung zu suchen, sondern über Authentizität.
Wer sich zeigt, macht es auch für andere leichter, sich selbst zu zeigen. Das ist vielleicht der tiefere Sinn von Sichtbarkeit: Sie ist kein Akt des Narzissmus, sondern ein Akt der Solidarität.

Individuation und Authentizität
In Die schwule Seele beschreibt Peter Fässlacher den Weg zur Selbstwerdung als eine Bewegung von außen nach innen. Er nennt das „die Rückkehr zu sich selbst“. Das erfordert ein belastbares Ich, die Fähigkeit, Ambivalenzen auszuhalten und Verantwortung zu übernehmen. Nicht Perfektion führt zu innerem Frieden, sondern Akzeptanz.
Der Prozess erinnert an die Individuation nach C.G. Jung. Das Ringen darum, alle Anteile in sich anzunehmen: Licht und Schatten, Stärke und Bedürftigkeit. Echte Authentizität entsteht, wenn man nicht mehr versucht, jemand zu sein, sondern bereit ist, sich zu zeigen, wie man ist.
Begleitung AM WEG ZUM SELBST
Viele dieser Themen begegnen mir auch in meiner Arbeit als queer-sensibler psychologischer Berater und klinischer Sexologe. Menschen kommen mit Fragen zu Identität, Scham, Körper, Sexualität oder Beziehungen und oft geht es im Kern um dasselbe: die Sehnsucht, echt zu sein und sich verbunden zu fühlen.
Ich verstehe Beratung als Raum, in dem man sich zum ersten Mal zeigen darf, ohne bewertet zu werden. Wo Scham in Sprache verwandelt werden darf. Und wo man Schritt für Schritt lernt, sich selbst zu begegnen, mit all dem, was da ist.
👉 Wenn du auf deinem Weg zu dir selbst eine Begleitung sucht, findest du hier mehr über meine Arbeit.
Schlussgedanke
„Wie man wird, wer man ist, bedeutet, das eigene Leben nicht länger zu simulieren, sondern zu spüren – mit allem, was dazugehört.“
Im Grunde unterliegen wir alle den selben Bedürfnissen und Dynamiken: Wir wollen gesehen, verstanden und angenommen werden. Und es beginnt alles genau dort, wo wir den Mut finden, uns zu zeigen.
