Stell dir den Moment vor: Du stehst mitten im Zug der Menge einer Pride-Parade, überall Musik, Farben, Menschen. Du fühlst dich getragen, angenommen, gefeiert, Teil von etwas Größerem. Es ist eines dieser seltenen Gefühle von ganz und gar dazuzugehören. Und genau in diesem Hochgefühl lohnt sich eine unbequeme Frage: Stolz, worauf eigentlich?
Die Frage ist nicht gegen das Feiern gerichtet, im Gegenteil. Aber sie ist der Anfang eines Gedankens, der woandershin führt, als man vermuten würde. Denn wer ehrlich nach dem Stolz fragt, landet früher oder später bei seinem ungeliebten Gegenstück, der Scham. Und ausgerechnet dort, so paradox das klingt, liegt etwas, das uns weiterhilft.
Wo der Stolz herkommt
Um die Frage „stolz worauf“ ernst zu nehmen, hilft ein Blick zurück. Die Pride-Parade, wie wir sie heute kennen, hat einen klaren Ursprung. Als die Polizei im Sommer 1969 in New York eine Bar namens Stonewall Inn stürmte, wehrten sich die Gäste zum ersten Mal in größerem Stil. Knapp ein Jahr später zogen Menschen demonstrativ durch die Straßen, um an diesen Aufstand zu erinnern, und zwar ohne den bis dahin üblichen betont angepassten Auftritt. Aus der Reihe der Demonstrierenden wurde die erste Pride-Parade.
Das Entscheidende: Der Stolz wurde damals bewusst gegen die erzwungene Scham und Unsichtbarkeit gesetzt. Statt sich klein und unauffällig zu machen, zeigten sich Menschen offen und mit erhobenem Kopf. Stolz war das Gegengift gegen die Scham. Das war richtig und notwendig, und ohne diesen kollektiven Stolz wären wir nicht, wo wir heute sind. Pride als politische, verbindende Geste ist ein Schatz.
Stolz worauf eigentlich, lohnt sich trotzdem als ehrliche Frage. Auf die sexuelle Orientierung selbst kann man schwer stolz sein, man hat sie sich nicht ausgesucht. Das ist kein Argument gegen Pride. Es ist eine Einladung, genauer hinzuschauen, was man da eigentlich feiert.
Denn echter Stolz sitzt woanders. Er kommt aus dem Mut, zu sich zu stehen in einer Welt, die das Anderssein oft ablehnt. Und er kommt aus dem Mut, sichtbar zu sein, gerade für die, die das noch nicht können. Das ist kein Stolz, der sich über andere stellt, sondern einer, der sich neben sie stellt.
Im Persönlichen kann derselbe Stolz aber auch kippen. Er muss es nicht, aber er kann. Aus dem Stolz, der gegen die Scham schützt, wird dann eine Haltung, die nicht mehr verbindet, sondern Distanz schafft. Und um zu verstehen, wie das passiert, müssen wir uns das Verhältnis von Stolz und Scham genauer ansehen.
Stolz ist nicht das Gegenteil von Scham
Der erste Reflex sagt: Stolz ist gut, Scham ist schlecht, also ist Stolz das Heilmittel gegen Scham. So einfach ist es nicht. Oft ist gerade der laute Stolz die Verkleidung der Scham. Wer tief drinnen glaubt, nicht zu genügen, baut sich obendrauf eine Fassade: ich brauch das alles nicht, ich bin besser als die anderen. Von außen sieht das nach Selbstbewusstsein aus. Von innen ist es ein Schutzschild. Und bei kaum jemandem zeigt sich das manchmal so deutlich wie bei uns.
Warum das bei queeren Männern eine eigene Geschichte hat
Viele von uns sind mit einem Grundgefühl aufgewachsen: So, wie ich bin, ist etwas nicht in Ordnung. Nicht als einzelner Satz, sondern als Atmosphäre, in Blicken, Witzen, dem Schweigen am Familientisch. Daraus wird selten ein bewusster Gedanke, aber fast immer ein Muster.
Vielleicht kennst du das, oder jemanden, auf den es passt. Nennen wir ihn Lukas. Lukas geht gern aus, lernt leicht Leute kennen, ist auf den Apps nie ohne Optionen. Und trotzdem wird aus all den Kontakten selten etwas, das bleibt. Beim Scrollen hakt er innerlich ab: zu langweilig, zu bedürftig, zu dünn. Nach einem an sich netten Date denkt er nicht „schön war’s“, sondern sucht den Haken. Ein Satz fasst es zusammen: „Keiner ist wirklich gut genug.“
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Von außen klingt das nach hohen Ansprüchen, nach starkem Selbstwert. Von innen ist es oft das Gegenteil. Es ist falscher Stolz, eine Fassade über einer alten, toxischen Scham: dem Gefühl, selbst nicht zu genügen. Wer das tief drinnen glaubt, schützt sich, indem er die anderen kleinmacht, bevor sie ihn ablehnen können. „Keiner ist gut genug“ heißt dann in Wahrheit: „Ich lasse niemanden nah genug heran, um zu riskieren, dass er merkt, was ich selbst über mich denke.“
John Bradshaw, ein Pionier der Schamforschung, hat dafür einen Kipppunkt beschrieben, sinngemäß: den Moment, in dem aus „ich habe etwas falsch gemacht“ ein „ich bin falsch“ wird. Genau dort wird aus einem normalen Gefühl ein Dauerzustand. Und kein noch so lauter Stolz macht ihn wieder weg.
Zwei Arten von Scham
Nicht jede Scham ist diese lähmende, toxische Form. Es gibt zwei sehr verschiedene Arten, die sich ähnlich anfühlen und das Gegenteil meinen:
- Toxische Scham sagt: Mit mir stimmt etwas nicht. Sie ist kein Gefühl mehr, sondern wird zum Dauerzustand und langfristig zur Identität. Sie wird zur Brille, durch die man sich selbst dauerhaft sieht. Das ist die Scham, vor der sich Lukas mit seinem Stolz schützt.
- Gesunde Scham sagt: In dieser Situation stimmt etwas nicht. Sie ist ein Gefühl, das kommt und geht. Sie meldet sich, wenn wir eine Grenze überschritten oder uns überschätzt haben, und hält uns in Verbindung mit den anderen.
Gesunde Scham ist also nicht dein Feind. Sie ist der innere Sinn dafür, dass die anderen auch da sind und zählen. Ein Mensch ganz ohne Scham wäre nicht frei, er wäre übergriffig. Es geht nicht darum, Scham loszuwerden, sondern darum, sich mit der gesunden Form anzufreunden und die toxische zu erkennen.
Was gesunde Scham möglich macht
Was sich an Lukas’ Muster ändern kann, beginnt nicht damit, selbstbewusster zu werden. Selbstbewusst wirkt er ja, zumindest an der Oberfläche. Es beginnt in dem Moment, in dem er einem Mann gegenüber zugibt, dass er Angst hat, ihn zu langweilen, sobald das erste Verliebtsein vorbei ist. Sich klein und unsicher zeigen, statt sich aufzublasen oder den anderen abzuwerten, das ist das Gegenteil von dem, was er gelernt hat. Und das ist gesunde Scham in Aktion: kein „ich bin falsch“, sondern „ich zeige mich gerade, und das macht mich angreifbar“. Genau an so einer Stelle kann aus einer Bekanntschaft zum ersten Mal etwa werden, das trägt.
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