Atem · 5 Min.

Atemübungen gegen Stress: üben statt entspannen

Gregor Schmidinger · Aktualisiert am

Wellen laufen in Langzeitbelichtung als weicher Schleier über dunkle Felsen.

Wer nach Atemübungen gegen Stress sucht, hat meistens schon einiges hinter sich. Das Bad am Abend, den Kräutertee, die Yogastunde, den Rat, einfach mal abzuschalten. Und trotzdem sind die Schultern am Sonntag noch oben, und der Kopf ist schon beim Montag.

Atemübungen können hier tatsächlich etwas verändern, aber anders, als es oft versprochen wird. Sie sind kein Knopf für sofortige Entspannung. Sie sind ein Training: wenige Minuten am Tag, langsam atmen, länger ausatmen, und das über Wochen.

Woran merkst du, dass dein Stress chronisch ist?

Kurzer Stress ist nützlich. Vor einer Präsentation schlägt das Herz schneller, die Aufmerksamkeit wird schärfer, danach fährt der Körper wieder herunter. Problematisch wird es, wenn dieses Herunterfahren nicht mehr klappt.

Die meisten Menschen merken das zuerst am Körper und erst später im Kopf. Sie beschreiben es als „unter Strom stehen“, als Schultern, die den ganzen Tag hochgezogen sind, als Kiefer, der sich nachts festbeißt. Typisch ist auch, dass die Anspannung im Urlaub nicht nachlässt, dass man um drei Uhr früh wach liegt oder müde ist, obwohl man genug geschlafen hat.

Das ist kein Zeichen von Schwäche. Es ist ein Nervensystem, das auf Daueralarm gelernt hat. Und genau deshalb lohnt es sich, früh anzusetzen, bevor aus der Erschöpfung ein Burnout wird.

Warum klappt Entspannung oft nicht?

Viele haben Entspannung schon versucht und sind enttäuscht. Das liegt nicht an mangelnder Disziplin.

Entspannung lässt sich nicht befehlen. Der Teil von dir, der beschließt, sich jetzt zu entspannen, ist nicht der Teil, der über Puls und Muskelspannung entscheidet. Warum das so ist, steht ausführlicher in Nervensystem beruhigen: warum der Kopf dabei nicht hilft.

Dazu kommt, dass Entspannung schnell zur nächsten Pflicht wird. Wer ohnehin unter Druck steht, empfindet eine weitere Übung im Kalender als zusätzliche Last.

Und manchen Menschen macht Ruhe sogar Angst. Sobald es still wird, spüren sie die Anspannung erst richtig, und sie steigt. Das ist häufiger, als man denkt, und kein Grund, es nicht zu versuchen. Es ist ein Grund, mit kurzen Einheiten zu beginnen.

Atemtraining setzt an einer anderen Stelle an. Es verspricht keinen Zustand, sondern übt eine Fähigkeit: die eigene Stressreaktion herunterzufahren.

Was bringen Atemübungen gegen Stress nachweislich?

Eine Meta-Analyse von Fincham und Kolleg:innen aus dem Jahr 2023 hat zwölf randomisierte Studien zusammengefasst. Das Ergebnis: Atemübungen senken Stress und Angst, mit kleinen bis mittleren Effekten. Die Autor:innen warnen ausdrücklich davor, dass die Begeisterung im Markt größer ist als die Belege.

Eine Studie aus Stanford von Melis Yilmaz Balban und Kolleg:innen ließ Teilnehmer:innen 28 Tage lang täglich fünf Minuten üben. Die Gruppe mit einer bestimmten Atemübung, dem zyklischen Seufzen, verbesserte ihre Stimmung am stärksten, stärker als die Gruppe, die im selben Zeitraum Achtsamkeitsmeditation machte. Die Gruppen waren klein, der Schlaf veränderte sich nicht. Aber fünf Minuten am Tag reichten für einen messbaren Unterschied.

Atemtraining ist kein Wundermittel. Es ist ein kleiner, verlässlicher Hebel, den du jeden Tag selbst bedienen kannst.

Welche Atemübungen helfen gegen Stress?

Drei Techniken sind gut untersucht und alltagstauglich:

  • Langsames Atmen: etwa fünf bis sechs Atemzüge pro Minute, Ein- und Ausatmung gleich lang, auch kohärentes Atmen genannt. Das ist die am besten belegte Form und die Grundlage für das tägliche Training. Was dabei im Körper passiert, steht in Vagusnerv aktivieren.
  • Verlängerte Ausatmung: etwa vier Sekunden ein, sechs bis acht Sekunden aus. Sie wirkt im akuten Moment am schnellsten, etwa nach einem schwierigen Gespräch.
  • Zyklisches Seufzen: zweimal kurz hintereinander durch die Nase einatmen, dann lang durch den Mund ausatmen. Das ist die Übung aus der Stanford-Studie.

Box Breathing und die 4-7-8-Atmung sind beliebt, aber schwächer belegt. Beim Box Breathing fiel der Effekt auf die Herzratenvariabilität in einem Vergleich von 2025 geringer aus als bei sechs Atemzügen pro Minute. Und dass die 4-7-8-Atmung in sechzig Sekunden einschlafen lässt, ist Werbung, kein Studienergebnis. Was an ihr wirkt, ist die lange Ausatmung.

Wie viel Zeit brauchst du dafür?

Weniger, als die meisten denken. Fünf Minuten täglich sind ein guter Anfang, und Regelmäßigkeit zählt mehr als Länge. Mein Atemlehrer Wilfried Ehrmann rät, mit einem Tempo zu beginnen, das sich angenehm halten lässt, auch wenn es zehn oder zwölf Atemzüge pro Minute sind, und erst dann zu verlangsamen.

Am besten übst du, wenn gerade nichts los ist. Das klingt widersinnig, ist aber der Kern: Was du in ruhigen Momenten trainierst, steht dir in stressigen zur Verfügung.

Nennen wir ihn Daniel, Mitte vierzig, Abteilungsleiter. Er kommt jeden Abend mit dem Auto nach Hause und nimmt den Arbeitstag mit in die Wohnung. Irgendwann beginnt er, nach dem Einparken fünf Minuten sitzen zu bleiben und langsam zu atmen, bevor er aussteigt. Nach ein paar Wochen fällt ihm etwas auf: Am Samstag sind die Schultern schon am Vormittag unten, nicht erst am Sonntagabend. Die Arbeit ist nicht weniger geworden. Aber er kommt schneller wieder herunter.

Hilfreich ist ein fester Anker im Tag: nach dem ersten Kaffee, vor dem Aufklappen des Laptops, nach dem Einparken. Eine Übung, die an etwas hängt, das du ohnehin tust, bleibt eher.

Und wenn der Stress schon zu viel ist?

Atemtraining ist Prävention: Es hilft, bevor die Notbremse nötig ist. Wenn Erschöpfung, Schlafprobleme oder körperliche Beschwerden schon seit Wochen anhalten, gehört eine ärztliche Abklärung dazu. Und wenn aus dem Stress Herzrasen und Panik werden, findest du in Tief einatmen hilft bei Panik nicht, was dann hilft und was nicht.

Einen ersten Eindruck, wie sich langsames Atmen mit langer Ausatmung anfühlt, gibt dir die 5-Minuten-Notfallatmung, kostenlos. Wenn du das Training mit Begleitung aufbauen willst, um Dauerstress und Burnout vorzubeugen, findest du alles dazu unter Reset & Balance. Ob es für dich passt, klären wir im kostenlosen Kennenlerngespräch, 15 Minuten.

Gregor Schmidinger ist psychologischer Berater und integrativer Atemtrainer in Wien. Er war selbst zehn Jahre von einer Angststörung betroffen. Heute begleitet er online Menschen mit Stress, Angst und Panik.

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