Sexocorporel · 7 Min.

Sexualität ist lernbar: eine Einführung in das Sexocorporel

Gregor Schmidinger · Aktualisiert am

Eine Hand formt auf der drehenden Töpferscheibe ein Gefäß aus Ton, schwarzweiß

Viele Männer erleben ihre Sexualität phasenweise als Belastung. Die Erektion lässt im entscheidenden Moment nach. Der Samenerguss kommt früher, als sie wollen. Oder die Lust ist irgendwann einfach weg. Schnell entsteht das Gefühl, als Mann zu versagen, und die Frage, was mit einem nicht stimmt.

Ich stelle lieber eine andere Frage: Was, wenn das kein Defekt ist, sondern das Ergebnis eines Lernprozesses? Eines Prozesses, der bisher in eine bestimmte Richtung gelaufen ist und in eine andere weiterlaufen kann.

Genau das ist der Grundgedanke des Sexocorporel, des Modells, mit dem ich in der Sexualberatung arbeite.

Woher das Sexocorporel kommt

Entwickelt hat es der Sexologe Jean-Yves Desjardins an der Universität in Montréal, in den 1970er- und 1980er-Jahren. Sein Ausgangspunkt war die erste Definition sexueller Gesundheit, die die Weltgesundheitsorganisation 1975 vorgelegt hat. Gelehrt wird das Modell heute unter anderem in Zürich und in Wien, wo ich meine Ausbildung gemacht habe.

Zwei Annahmen tragen das ganze Modell.

Die erste: Körper und Geist sind eine Einheit. Was sich im Körper verändert, verändert das Erleben, und was man erlebt, zeigt sich im Körper. Ein flacher Atem ist nicht nur eine Folge von Nervosität. Er erzeugt sie auch mit.

Die zweite: Sexuelle Fähigkeiten sind gelernt, und sie bleiben ein Leben lang veränderbar. Wie jemand Erregung aufbaut, wie er sich selbst befriedigt, worauf er anspringt, ist nicht angeboren. Es hat sich über Jahre eingespielt.

Daraus folgt eine Haltung, die ich an diesem Modell besonders schätze. Ein Erregungsmuster, das heute Schwierigkeiten macht, gilt nicht als Fehler. Es war einmal eine gute Lösung, oft die beste, die ein Jugendlicher damals finden konnte. Die Frage ist also nicht, was falsch ist, sondern welche Logik dahintersteht und wo sie heute an ihre Grenzen kommt.

Vier Bereiche, ein System

Um diese Logik zu verstehen, schaut das Sexocorporel auf vier Bereiche. Sie greifen ineinander, und eine Schwierigkeit in einem Bereich zeigt sich oft in einem anderen.

  1. Körper. Hier geht es um die körperliche Seite der Erregung: welche Reize sie auslösen, wie sie ansteigt und vor allem um den Erregungsmodus, also die Art, wie jemand Erregung mit Muskelspannung, Rhythmus, Atem und Bewegung herstellt.
  2. Erleben. Im Modell heißt dieser Bereich sexodynamisch. Gemeint ist, was sich innen abspielt: Lust und Begehren, Fantasien, sexuelle Selbstsicherheit, worauf jemand anspringt und wie sehr er seinen Körper und sein Geschlecht als erotisch erlebt.
  3. Wissen und Denken. Was jemand über Sexualität weiß, welche Werte und Normen er mitbringt und welche Mythen. „Ein richtiger Mann kann immer“ ist so ein Mythos, und er wirkt sehr direkt auf den Körper zurück.
  4. Beziehung. Wie jemand Nähe gestaltet, Wünsche anspricht, verführt und sich verführen lässt. Das Modell spricht hier von erotischer Kompetenz, und auch die ist lernbar.

Kaum ein Anliegen liegt nur in einem Bereich. Hinter Erektionsproblemen stehen oft gleichzeitig ein Mythos im Kopf, ein enges Erregungsmuster im Körper und Sorge in der Beziehung. Deshalb schaue ich in der Beratung auf das ganze System und nicht nur auf das, was gerade nicht klappt.

Das Mischpult der Erregung

Am deutlichsten unterscheidet sich das Sexocorporel von anderen Ansätzen beim Körper. Hier wird es konkret, und hier lässt sich am direktesten üben.

Stell dir deine Erregung wie ein Mischpult mit vier Reglern vor: Muskelspannung, Rhythmus, Atmung und Bewegung. Viele Männer arbeiten fast nur mit zwei davon, hoher Spannung und schnellem, gleichförmigem Rhythmus. Das funktioniert. Es ist ungefähr so, wie mit Vollgas über die Autobahn zu fahren: Man kommt schnell an, sieht aber wenig von der Landschaft.

Spannung und Rhythmus bündeln die Erregung und beschleunigen sie. Atmung und Bewegung verteilen sie im Körper. In der Fachsprache heißt das Kanalisierung und Diffusion. Wer nur bündeln kann, hat oft wenig Spielraum: Die Erregung steigt steil an, der Zeitpunkt des Kommens ist schwer zu steuern, und die Empfindung bleibt auf eine kleine Stelle begrenzt. Wer auch verteilen kann, hat mehr Möglichkeiten, die Erregung zu halten, zu steigern und auszukosten.

Aus diesen Reglern ergeben sich typische Muster, die das Sexocorporel Erregungsmodi nennt. Welches bei dir im Vordergrund steht, kannst du mit dem Erregungstyp-Test grob einordnen. Wie diese Muster mit dem Kopf zusammenhängen, also warum er bei manchen Männern beim Sex nicht still wird, steht in Beim Sex abschalten: warum der Kopf nicht still wird.

Nennen wir ihn Daniel

Vielleicht kennst du das. Nennen wir ihn Daniel, Ende zwanzig. Allein klappt alles, schnell und zuverlässig. Mit einer Partnerin oder einem Partner lässt die Erektion manchmal nach, gerade dann, wenn es ernst wird. Daniel hat zwei Erklärungen parat: Entweder stimmt mit seinem Körper etwas nicht, oder es liegt am Kopf.

Aus Sicht des Sexocorporel gibt es eine dritte. Daniel hat als Jugendlicher gelernt, sich mit fester Hand, angespannten Beinen und angehaltenem Atem schnell zum Orgasmus zu bringen. Allein funktioniert das tadellos, weil er genau die Reize bekommt, die er gewohnt ist. Zu zweit sind die Reize anders: weniger Druck, ein anderes Tempo, mehr, worauf er achten muss. Sein Körper hat für diese Situation schlicht weniger Repertoire.

Für Daniel ist das eine Entlastung. Sein Körper ist nicht kaputt, und er bildet sich nichts ein. Er hat etwas sehr gut gelernt, das jetzt nicht mehr ganz passt. Und daran lässt sich arbeiten.

Was Sexualberatung nicht ersetzt

Bei sexuellen Schwierigkeiten lohnt es sich zu wissen, welche Unterstützung wann passt. Sexualberatung nach dem Sexocorporel ist oft eine Ergänzung zu anderen Angeboten, manchmal eine spezialisierte Alternative, aber nicht für alles die richtige Adresse.

Zur Urologie: Wenn Erektionsprobleme plötzlich auftreten, mit Schmerzen verbunden sind oder wenn auch nachts und morgens keine spontanen Erektionen mehr kommen, ist eine urologische Abklärung sinnvoll. Dasselbe gilt bei Erkrankungen wie Diabetes oder Bluthochdruck und bei Medikamenten, die auf die Sexualität wirken können. Urolog:innen schauen auf Gefäße, Hormone und Nerven. Das schließt Sexualberatung nicht aus, oft läuft beides gut nebeneinander.

Zur Psychotherapie: Wenn tiefgreifende Ängste, eine Depression oder belastende Erfahrungen den Alltag bestimmen, ist Psychotherapie der richtige Rahmen. Auch bei zwanghaftem Sexual- oder Pornokonsum mit großem Leidensdruck braucht es oft therapeutische Begleitung. Ich bin psychologischer Berater und klinischer Sexologe, kein Psychotherapeut.

Zur Sexologie: Hier geht es um das Wie. Ich suche mit dir nicht in erster Linie nach dem Warum in deiner Kindheit, sondern schaue, wie dein sexuelles System heute funktioniert. Warum spürst du beim Sex mit jemandem weniger als allein? Warum kippt die Erregung an einer bestimmten Stelle? Wenn die Logik sichtbar wird, lässt sich gezielt daran arbeiten, im Hier und Jetzt und mit dem Körper.

Was du über Jahre gelernt hast, ist kein Urteil über dich. Es ist ein Ausgangspunkt.

Wenn du anfangen willst

Wer seine Schwierigkeiten als Defekt sieht, fühlt sich ihnen ausgeliefert. Wer sie als etwas Gelerntes sieht, bekommt Spielraum. Veränderung passiert dabei nicht durch Einsicht allein, sondern durch Übung und neue Erfahrungen im Körper, Schritt für Schritt.

Auf der Seite zur Sexualberatung findest du, wie ich arbeite und in welchem Rahmen. In einem kostenlosen Kennenlerngespräch (15 Minuten) klären wir gemeinsam, ob das Sexocorporel für dein Anliegen ein passender Weg ist.

Und warum es beim Sex nicht um Leistung geht, sondern um Erleben, steht in Sexueller Flow: warum Sex nichts mit Leistung zu tun hat.

Gregor Schmidinger ist klinischer Sexologe nach dem Sexocorporel-Modell und psychologischer Berater in Wien. Er begleitet online Männer, die ihre Sexualität verändern wollen.

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