Leistungsdruck · 7 Min.

Sexueller Flow: warum Sex nichts mit Leistung zu tun hat

Gregor Schmidinger · Aktualisiert am

Ein Mann liegt mit ausgebreiteten Armen im flachen Wasser an einem dunklen Strand, von oben fotografiert, schwarzweiß

Die meisten Männer, die mit einem sexuellen Anliegen zu mir kommen, beschreiben es ähnlich. Der Körper macht nicht mit. Sie beobachten sich selbst, während es passiert. Und je mehr sie versuchen, die Situation in den Griff zu bekommen, desto mehr entgleitet sie ihnen.

Dahinter steckt fast immer dieselbe Annahme: Sex ist etwas, das man richtig oder falsch machen kann. Eine Leistung, die gelingt oder misslingt. Wer so draufschaut, hat ein Problem, bevor überhaupt etwas passiert ist.

Denn erfüllende Sexualität folgt einer anderen Logik. Die Psychologie hat für diese Logik einen Namen, und er steckt im Namen meiner Sexualberatung: Flow.

Was Flow eigentlich ist

Der Begriff stammt vom Psychologen Mihaly Csikszentmihalyi. Er hat über Jahrzehnte Menschen befragt, die etwas mit großer Hingabe tun: Chirurg:innen, Kletter:innen, Schachspieler:innen, Tänzer:innen. Sie sollten beschreiben, wie sich ihre besten Momente anfühlen. Die Antworten ähnelten sich auffällig. Man ist ganz bei der Sache. Die Selbstbeobachtung fällt weg. Das Zeitgefühl verschiebt sich. Handeln und Erleben fallen zusammen.

Zwei Bedingungen aus seiner Forschung sind für Sexualität besonders interessant.

Die erste: Flow entsteht bei Tätigkeiten, die ihren Zweck in sich tragen. Csikszentmihalyi nennt sie autotelisch, aus dem Griechischen, autos heißt selbst, telos heißt Ziel. Man klettert, weil das Klettern selbst etwas gibt, und nicht nur, um oben anzukommen.

Die zweite: Flow braucht ein Gleichgewicht zwischen dem, was eine Situation verlangt, und dem, was man kann. Ist die Anforderung zu hoch, kommt Angst. Ist sie zu niedrig, Langeweile.

Beides lässt sich fast eins zu eins auf Sex übertragen. Und beides erklärt, warum Leistungsdenken den Flow so zuverlässig verhindert.

Wenn Sex ein Ziel bekommt

Leistung hat immer ein Ziel außerhalb der Tätigkeit. Die Erektion halten. Lang genug durchhalten. Zum Orgasmus kommen, oder das Gegenüber dorthin bringen. Sobald Sex daran gemessen wird, ist er nicht mehr autotelisch. Er wird zum Mittel. Und mit dem Ziel kommt die Bewertung: Klappt es? Bin ich auf Kurs?

Einen Vergleich kennt fast jeder. Du liegst abends im Bett und kannst nicht einschlafen. Du willst schlafen, du weißt, dass du morgen früh raus musst. Aber je mehr du es versuchst, desto wacher wirst du. Schlaf lässt sich nicht herstellen. Er stellt sich ein, wenn die Bedingungen stimmen und du aufhörst, ihn erzwingen zu wollen.

Erregung verhält sich ähnlich. Eine Erektion lässt sich nicht befehlen, ein Orgasmus nicht erzwingen. Was sich gestalten lässt, sind die Bedingungen, unter denen beides entsteht.

Gaspedal und Bremse

Warum Druck so durchschlägt, erklärt ein Modell, das John Bancroft und Erick Janssen am Kinsey Institute entwickelt haben: das Dual Control Model. Bekannt gemacht hat es Emily Nagoski mit ihrem Buch „Come as You Are“.

Die Idee: Das sexuelle Reaktionssystem hat ein Gaspedal und eine Bremse. Das Gaspedal reagiert auf alles, was erregend ist. Die Bremse reagiert auf alles, was nach Gefahr aussieht. Und Gefahr heißt hier nicht nur Bedrohung. Es reichen die Sorge zu versagen, die Erinnerung an das letzte Mal, der Vergleich mit Pornos, die Frage, ob man normal ist.

Das erklärt einen Fehler, den viele Männer machen. Wenn es nicht läuft, geben sie mehr Gas: mehr Reiz, mehr Tempo, mehr Anstrengung. Aber bei angezogener Bremse hilft mehr Gas wenig. Oft wird es sogar schlimmer, weil die Anstrengung selbst wieder Druck erzeugt. Flow entsteht nicht durch mehr Gas. Er entsteht, wenn die Bremse locker lässt.

Was dabei im Kopf passiert, also warum er ausgerechnet dann laut wird, wenn der Körper leise ist, steht ausführlich in Beim Sex abschalten: warum der Kopf nicht still wird. Hier geht es um die andere Seite: was es braucht, damit Flow überhaupt möglich wird.

Nennen wir ihn Markus

Vielleicht kennst du das. Nennen wir ihn Markus, Anfang vierzig, seit einer Weile wieder auf Dates. Beim ersten Mal mit jemand Neuem geht er mit einem Plan hinein: Diesmal soll es klappen. Er achtet darauf, nicht zu früh zu kommen, denkt an das, was er gelesen hat, und hat dabei ständig die Uhr im Kopf. Der Sex ist okay. Erinnern kann er sich hinterher vor allem an seine eigene Anspannung.

Ein paar Wochen später, dieselbe Person, ein verregneter Sonntag. Kein Plan, kein Termin danach, viel Lachen. Irgendwann merkt Markus, dass er seit einer Weile an gar nichts gedacht hat. Nicht weil er es sich vorgenommen hätte, sondern weil kein Platz dafür war.

Markus hat beide Male denselben Körper, dieselbe Erfahrung, dieselben Fähigkeiten. Verändert haben sich die Bedingungen: weniger Ziel, weniger Bewertung, mehr Sicherheit. An diesem Sonntag versteht er zum ersten Mal, dass sein Problem kein Mangel ist, sondern eine Frage der Bedingungen. Bedingungen lassen sich beeinflussen. Die einen liegen in der Situation, die anderen in ihm selbst.

Das Können ist gelernt

Damit kommt die zweite Bedingung von Csikszentmihalyi ins Spiel, das Gleichgewicht zwischen Anforderung und Können. Beim Klettern ist klar, dass Können gelernt wird. Bei Sex gehen die meisten davon aus, man habe es oder man habe es nicht.

Im Sexocorporel, dem sexologischen Modell, mit dem ich arbeite, sieht man das anders. Jeder Mann hat sich im Lauf seines Lebens eine eigene Art angewöhnt, Erregung aufzubauen: mit einer bestimmten Muskelspannung, in einem bestimmten Rhythmus, mit mehr oder weniger Atem und Bewegung. Diese Muster sind oft früh entstanden, meist allein und nicht selten unter Zeitdruck. Wie das Modell das beschreibt, erklärt die Einführung in das Sexocorporel.

Für den Flow heißt das: Manchmal passt das Gelernte einfach nicht zur Situation. Typische Beispiele:

  • Die Erregung ist eng an eine bestimmte Stimulation gebunden, etwa an die eigene Hand in einem bestimmten Tempo.
  • Sie funktioniert gut mit Pornos, aber schlechter mit einem echten Gegenüber.
  • Sie steigt so steil an, dass kaum Spielraum bleibt, sie zu halten.
  • Sie hängt an sehr bestimmten Fantasien, und für das, was gerade wirklich passiert, bleibt wenig Platz.

Das sind keine Charakterfehler. Es sind Muster, die sich eingespielt haben, weil sie irgendwann gut funktioniert haben. Es geht nicht darum, sie wegzumachen oder sich mehr anzustrengen. Es geht darum, das Repertoire so zu erweitern, dass die Anforderung einer Situation und das, was dein Körper kann, wieder zusammenpassen.

Erregung lässt sich nicht erzwingen. Die Bedingungen, unter denen sie entsteht, lassen sich lernen.

Ein Zustand, kein Zufall

Flow lässt sich nicht herbeizwingen, das liegt in seiner Natur. Er ist aber auch kein Glücksfall, der einem passiert oder eben nicht. Er wird unter bestimmten Bedingungen wahrscheinlicher. Ein Teil davon liegt in der Situation: Zeit, Sicherheit, ein Gegenüber, bei dem man sich nicht beweisen muss. Der andere Teil liegt im Körper, in dem, was er gelernt hat und was er noch lernen kann.

Deshalb heißt meine Sexualberatung Sexual Flow. Nicht weil Sex immer fließen muss. Sondern weil es nicht um mehr Leistung geht, sondern um mehr Erleben.

Wenn du wissen willst, wo du stehst

Wenn du verstehen willst, wie dein eigenes Erregungsmuster funktioniert, ist das der sinnvolle Ausgangspunkt, bevor es um Veränderung geht. Der kostenlose Test „Welcher Erregungstyp bist du?“ gibt dir in zehn Fragen und drei Minuten eine erste Einordnung: welches Muster du fährst, was es dir ermöglicht und wo es dich bremst.

Wenn du lieber direkt reden willst: In einem kostenlosen Kennenlerngespräch (15 Minuten) schauen wir gemeinsam, ob und wie ich dich in der Sexualberatung begleiten kann.

Gregor Schmidinger ist klinischer Sexologe nach dem Sexocorporel-Modell und psychologischer Berater in Wien. Er begleitet online Männer, die ihre Sexualität verändern wollen.

Aktualisiert am

Erregungstyp-Test

Warum klappt es allein, aber nicht zu zweit?

Der Erregungstyp-Test zeigt in drei Minuten, welches Muster dein Körper gelernt hat, und was es mit Erektion, Timing und Lust zu tun hat.