Prägung · 10 Min.

Das innere Kind schwuler Männer verstehen

Gregor Schmidinger · Aktualisiert am

Ein Fenster mit Sprossen, das Morgenlicht wirft ein Fensterkreuz an die Wand, darüber ein Regal mit einem Spielzeugauto.

Hast du dich schon einmal gefragt, warum du in manchen Momenten emotional stärker reagierst, als du willst? Eine Nachricht bleibt unbeantwortet, und der Abend ist gelaufen. Ein Mann, den du kaum kennst, sagt ein Date ab, und es fühlt sich an wie ein Urteil über dich. Der Kopf weiß, dass das übertrieben ist. Der Körper reagiert trotzdem.

Oft spricht in solchen Momenten nicht der erwachsene Teil von dir, sondern ein älterer. In der Psychologie gibt es dafür ein Bild, das inzwischen fast jeder kennt: das innere Kind. Dieser Text ist für schwule und queere Männer, die mit dem Begriff schon etwas anfangen können und wissen wollen, was er mit ihnen zu tun hat. Denn unser inneres Kind hat oft etwas gelernt, das andere Kinder nicht in dieser Form lernen mussten: sich anzupassen, noch bevor es wusste, was an ihm anders sein sollte.

Warum reagierst du emotional stärker, als du willst?

Nennen wir ihn Florian, 34. Seit drei Wochen schreibt er mit einem Mann, den er auf einer Geburtstagsfeier kennengelernt hat. Es läuft gut. Am Sonntag will er ihm eine Sprachnachricht schicken, nichts Besonderes, nur wie sein Wochenende war.

Er nimmt sie auf und hört sie sich an. Er nimmt sie noch einmal auf, diesmal etwas tiefer, etwas langsamer. Beim dritten Versuch lacht er an einer Stelle zu hoch, das stört ihn. Am Ende löscht er alle drei und tippt stattdessen zwei Sätze.

Von außen ist das eine Kleinigkeit. Von innen ist es ein vertrauter Vorgang: Florian hat kurz die Kontrolle darüber übernommen, wie er klingt. Er weiß gar nicht genau, wovor. Der Mann hat nie etwas über seine Stimme gesagt. Und trotzdem war da diese Spannung im Hals, bevor überhaupt ein Gedanke kam.

Die Frage, die sich lohnt, ist nicht: Was stimmt mit Florian nicht? Sondern: Wie alt ist der Teil von ihm, der da gerade aufpasst?

Das innere Kind: ein Bild, kein Esoterikbegriff

Das innere Kind beschreibt die frühen Prägungen, die wir in uns tragen. Es ist kein esoterisches Konzept, sondern ein anschauliches Bild für etwas Nüchternes: Muster, die sich in den ersten Lebensjahren im Nervensystem gebildet haben, laufen weiter, auch wenn wir längst erwachsen sind. Sie bestimmen mit, wie wir fühlen, was wir von uns halten und wie sicher wir uns bei anderen fühlen.

Man kann sich das wie die Ringe eines Baumes vorstellen. Jede Lebensphase legt eine neue Schicht an. Die inneren Ringe verschwinden nicht, wenn außen neue dazukommen. Sie tragen den Stamm mit.

Was in diesen frühen Schichten gespeichert ist, sind vor allem Überzeugungen über uns selbst. Die Psychologin Stefanie Stahl nennt sie Glaubenssätze: tief verankerte Sätze wie Ich bin okay oder So wie ich bin, passe ich nicht. Kein Kind formuliert sie bewusst. Sie entstehen aus tausend kleinen Momenten, in denen es sich angenommen oder falsch gefühlt hat. Und weil sie so früh entstanden sind, fühlen sie sich später nicht wie eine Meinung an, sondern wie die Wirklichkeit.

Das verletzte und das lebendige innere Kind

Das innere Kind hat zwei Seiten, und beide gehören zu dir.

Das verletzte innere Kind trägt die belastenden Glaubenssätze: Ich bin zu viel. Ich genüge nicht. Ich muss aufpassen, wie ich wirke. Dazu die Gefühle, die an ihnen hängen, also Scham, Angst, Einsamkeit, manchmal Wut. Wenn heute etwas an diese Sätze rührt, reagiert dieser Teil, als hinge noch immer alles davon ab, gemocht zu werden.

Das lebendige innere Kind trägt das Gegenteil: Neugier, Spiel, Übermut, das Gefühl, willkommen zu sein. Florian hat als Kind laut mitgesungen, wenn im Auto das Radio lief, mit allem, was die Stimme hergab. Dieser Teil ist nicht verschwunden. Er kommt heute zum Vorschein, wenn Florian mit seinem besten Freund am Küchentisch sitzt und über etwas lacht, ohne darauf zu achten, wie es klingt.

Viele Texte über das innere Kind beschäftigen sich nur mit der verletzten Seite. Das ist ein Fehler. Die lebendige Seite ist nicht bloß der Trost am Ende, sie ist der Beweis, dass es auch anders geht. Sie zeigt, wie du dich fühlst, wenn der alte Alarm gerade nicht anspringt.

Schutzgefühle und Schutzstrategien

Wenn das verletzte innere Kind getroffen wird, läuft fast immer dieselbe Abfolge ab. Zuerst kommt ein Auslöser: ein Blick, ein Satz, eine Nachricht, die ausbleibt. Dann kommt ein Schutzgefühl, meistens Scham oder Angst, und es kommt zuerst im Körper an. Enger Hals, flacher Atem, Hitze im Gesicht. Erst danach kommt die Schutzstrategie, also das, was wir tun, damit wir das Gefühl nicht spüren müssen.

Bei schwulen und queeren Männern begegnen mir einige Strategien besonders oft:

  • Kontrollieren, wie man wirkt. Stimme, Hände, Gang, Kleidung, welche Fotos auf dem Profil sind. Florians Sprachnachricht gehört hierher.
  • Anpassen und gefallen. Ja sagen, obwohl man Nein meint. Im Gespräch das eigene Thema fallen lassen, sobald es kurz still wird.
  • Leisten. Der perfekte Körper, der perfekte Job, die perfekte Wohnung, als würde man sich die Zugehörigkeit erst verdienen müssen.
  • Rückzug. Sich nicht mehr melden, bevor der andere es tun könnte. Lieber gar nicht erst zeigen, was man will.

Wichtig ist der Blick darauf. Eine Schutzstrategie ist kein Charakterfehler. Sie war einmal eine sinnvolle Antwort auf eine Situation, die ein Kind nicht anders lösen konnte. Das Problem ist nur, dass sie weiterläuft, wenn die Situation längst eine andere ist. Wer seine eigene Strategie beim Namen kennen will, findet sie im Schutzstrategie-Quiz.

Warum das innere Kind schwuler und queerer Männer früh gelernt hat, sich anzupassen

Jetzt wird es spezifisch. Viele von uns erinnern sich an ein diffuses Gefühl, anders zu sein, lange bevor es einen Namen dafür gab. Auf dem Schulhof war „schwul“ ein Schimpfwort, bevor einer von uns wusste, dass es ihn meint. Wir haben früh mitbekommen, welche Gesten, welches Spielzeug, welche Stimme kommentiert wurden. Und wir haben gelernt, darauf zu achten.

Das Entscheidende daran: Die meisten Kinder lernen, sich anzupassen, um Ärger zu vermeiden. Viele queere Kinder lernen es, um nicht entdeckt zu werden. Das ist eine andere Art von Aufmerksamkeit. Sie richtet sich nicht nur nach außen, auf die Regeln, sondern nach innen, auf das eigene Wesen. Ein Teil passt ständig auf, dass der andere Teil nicht auffällt.

Die Psychologen John Pachankis und Mark Hatzenbuehler haben dafür einen Buchtitel aus den Siebzigern aufgegriffen: „The Best Little Boy in the World“. Gemeint sind Jungen, die so brav, so gut in der Schule und so angepasst wie möglich werden, als Ausgleich für etwas, das sie an sich nicht zeigen dürfen. In ihrer Studie hing der Selbstwert schwuler und bisexueller Studenten stärker an Noten, Aussehen und Wettbewerb als bei heterosexuellen. Und je länger einer seine Orientierung verborgen hatte, desto stärker. Viele von uns kennen das bis heute, nur dass die Schulnoten durch Körper, Karriere oder Likes ersetzt wurden.

Dazu kommt der innere Jugendliche, eine zweite Schicht über dem Kind. In der Pubertät stehen Identität, Sexualität und Zugehörigkeit im Vordergrund, und genau dann haben viele von uns gelernt, sich zu verstecken. Die erste Verliebtheit, von der niemand erfahren durfte. Das Mitlachen bei Witzen, die einen selbst meinten. Der innere Jugendliche trägt oft die Scham, die das Kind nur geahnt hat, jetzt mit Worten.

Bei mir war es vor allem eine Leerstelle. In meiner Kindheit und Jugend gab es niemanden, der gezeigt hätte, wie man als schwuler Mann ein Leben gestaltet. Was es gab, waren Abziehbilder aus Filmen und Pornografie. Daraus lernt ein Jugendlicher nicht, wer er sein kann. Er lernt nur, was er besser für sich behält.

Was ein Kind gelernt hat, um dazuzugehören, kann ein Erwachsener anders lernen.

Diese Anpassung war keine Schwäche. Sie hat ihren Zweck erfüllt. Aber sie ist oft so gut trainiert, dass sie heute anspringt, wo niemand mehr etwas von uns verlangt. Bei einer Sprachnachricht an einen Mann, der uns mag.

Der innere Erwachsene übernimmt das Steuer

Neben dem verletzten und dem lebendigen Kind gibt es einen dritten Teil: den inneren Erwachsenen. Das ist der Teil, der heute denkt, abwägt und entscheidet. Er weiß, dass Florian 34 ist, eine eigene Wohnung hat und selbst bestimmen kann, mit wem er Zeit verbringt.

Es geht in der Arbeit mit dem inneren Kind nicht darum, das Kind loszuwerden oder zum Schweigen zu bringen. Es geht darum, wer am Steuer sitzt. Solange das verletzte Kind fährt, entscheidet ein Zwölfjähriger, wie ein Erwachsener auf eine Sprachnachricht reagiert. Wenn der Erwachsene übernimmt, darf das Kind mitfahren. Es muss nur nicht mehr lenken.

Florian hat das an einem Abend zum ersten Mal bemerkt, ein paar Wochen später. Wieder eine Sprachnachricht, wieder der enge Hals. Diesmal hat er den Gedanken zu Ende gedacht: Wer hört hier eigentlich mit? Nicht der Mann, dem er schreibt. Eher ein Bub auf einem Schulhof, vor über zwanzig Jahren. Florian hat die Nachricht trotzdem nicht beim ersten Mal abgeschickt. Aber beim zweiten. Mit dem zu hohen Lachen drin.

Ich kenne das von mir. Die Angst, die aus dieser Leerstelle kam, hat sich nicht durch Nachdenken verändert. Sie hat sich verändert, als ich schwule Männer über fünfzig kennengelernt habe, die ihr Leben selbstbestimmt und lebendig führen. Ein Bild zu sehen hat gereicht, wo Argumente nicht gereicht hätten.

Das klingt klein, und es ist klein. Genau so verändert sich so ein Muster: nicht durch eine große Einsicht, sondern durch viele kleine Situationen, in denen der Erwachsene etwas anders macht und das Kind erlebt, dass nichts Schlimmes passiert. Warum Verstehen dafür allein nicht reicht, steht im Text über Beziehungsmuster, die man kennt und trotzdem wiederholt.

Ein erster Schritt

Wenn du das nächste Mal emotional stärker reagierst, als die Situation es hergibt, frag dich nicht sofort, warum. Frag dich zuerst: Wie alt fühle ich mich gerade? Die Antwort kommt oft schneller, als man denkt, und sie ist selten 34 oder 45. Mehr braucht es für den Anfang nicht. Nur bemerken, noch nichts ändern.

Wenn du merkst, dass du dein inneres Kind nicht nur verstehen, sondern mit Begleitung kennenlernen willst: Sicher verbunden ist mein Inneres-Kind-Coaching für schwule und queere Männer. Fünf Einheiten eins zu eins, die genau den Weg dieses Textes gehen: das verletzte Kind, die Schutzstrategien, das lebendige Kind, der innere Erwachsene. Ob es für dich passt, klären wir in einem Kennenlerngespräch, 15 Minuten per Video.

Wie das innere Kind mit dem Selbstwert zusammenhängt, steht ausführlicher im Text Was ist dieses Selbstwertgefühl?.

Buchempfehlung: Stefanie Stahl, „Das Kind in dir muss Heimat finden“. Das Buch, das den Begriff im deutschsprachigen Raum bekannt gemacht hat, und noch immer der verständlichste Einstieg.

Gregor Schmidinger ist psychologischer Berater und klinischer Sexologe in Wien. Er arbeitet mit schwulen und queeren Männern zu Selbstwert, Beziehung und Sexualität, und ist selbst einer. Mit Gerald VDH macht er den Podcast Warme Bros.

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