Komplimente · 5 Min.

Sag ihm nicht, dass er gut aussieht

Gregor Schmidinger · Aktualisiert am

Zwei Menschen stehen einander gegenüber, nur Beine und Schuhe sind zu sehen, ihre Schatten fallen ins Fensterlicht auf dem Boden, schwarzweiß

Wie macht man einem Mann ein Kompliment, ohne dass es peinlich wird oder nach Anmache klingt? Viele schwule und queere Männer stellen sich diese Frage gar nicht erst. Sie sagen einfach nichts. Und wer doch etwas sagt, greift oft zum Naheliegendsten: zum Aussehen.

Dabei gehört Komplimente machen zu den einfachsten Arten, jemandem zu zeigen, dass er einem gefällt. Wenn es gelingt. In diesem Artikel geht es darum, warum manche Komplimente landen und andere den Moment eher abkühlen, und was das mit Selbstwert zu tun hat.

Wir rechnen mit Peinlichkeit, wo Freude wäre

Die Psychologinnen Erica Boothby und Vanessa Bohns haben in mehreren Experimenten Menschen gebeten, anderen ein Kompliment zu machen, und vorher einzuschätzen, wie das ankommen würde. Das Ergebnis war ziemlich eindeutig: Die Komplimentgeber unterschätzten, wie gut sich die anderen danach fühlten. Und sie überschätzten, wie unangenehm die Situation für sie sein würde.

Das erklärt, warum so viele Komplimente nie ausgesprochen werden. Wir rechnen mit einem peinlichen Moment, wo eigentlich ein guter wäre.

Für schwule Männer kommt etwas dazu. Viele haben früh gelernt, Interesse an einem Mann lieber nicht zu zeigen. Ein Blick zu viel konnte gefährlich sein, und das sitzt oft länger als die Gefahr. In der Sexologie spricht man von Verführungskompetenz: der Fähigkeit, das eigene Begehren zu zeigen, ohne den anderen zu bedrängen. Ein gutes Kompliment ist einer ihrer kleinsten Bausteine.

Nur ist nicht jedes Kompliment ein guter Baustein.

Das Problem mit dem Aussehen

Vielleicht kennst du das. Nennen wir ihn Jonas. Jonas hat ein erstes Date mit einem Mann, den er über eine App kennengelernt hat. Er ist nervös und will die Stimmung auflockern. Gleich zu Beginn sagt er: „Du schaust in echt noch besser aus als auf deinen Fotos.“

Er meint es nett. Sein Gegenüber lächelt kurz, zieht dann die Jacke enger und sagt: „Danke, ich hab mir auch Mühe gegeben.“ Danach ist das Gespräch eine Spur steifer.

Was ist passiert? Jonas hat ein Kompliment gemacht, aber eines, das bewertet. Es sagt: Ich habe dich angeschaut und geprüft, und du hast bestanden. Und es sagt nebenbei auch, dass es eine Prüfung gab.

Die Psychologie hat dafür einen Begriff: Selbstobjektivierung. Barbara Fredrickson und Tomi-Ann Roberts beschreiben damit, wie Menschen lernen, sich selbst von außen zu betrachten, als Körper, der bewertet wird. Eine Studie von Rachel Calogero und Kolleginnen zeigte, dass schon positive Kommentare zum Aussehen diesen Blick auf den eigenen Körper verstärken können. Untersucht wurden dort Frauen. Für schwule Männer gibt es dazu kaum Daten, aber wer die Szene kennt, mit ihrem Fokus auf Körper, Alter und Typ, wird den Mechanismus wiedererkennen.

Das heißt nicht, dass ein Kompliment zum Aussehen immer schiefgeht. In einer vertrauten Beziehung oder in einem Moment, der schon warm ist, kann es genau richtig sein. Am Anfang aber, wenn der andere noch nicht weiß, woran er bei dir ist, kann es kippen.

Welche Komplimente landen dann?

Komplimente machen, die wirklich ankommen

Ein Kompliment, das ankommt, sagt nicht: Du bestehst. Es sagt: Ich sehe dich. Vier Dinge helfen dabei.

  • Etwas, das er gewählt hat. Sein Stil, sein Haarschnitt, seine Musik, eine Formulierung, das Buch in seiner Hand. Wer dafür ein Kompliment bekommt, fühlt sich in seinen Entscheidungen gesehen und nicht in seinem Körper vermessen.
  • Konkret statt allgemein. „Coole Jacke“ ist nett. „Die Farbe von der Jacke steht dir“ zeigt, dass du hingeschaut hast.
  • Die Wirkung auf dich. „Ich muss lachen, wie du das erzählst“ sagt etwas über dich und über ihn zugleich, und es bewertet nicht.
  • Ohne Rechnung. Ein Kompliment, das sofort etwas zurück erwartet, ein Lächeln, eine Nummer, ein Kompliment zurück, ist eher eine Verhandlung.

Zurück zu Jonas. Hätte er gesagt: „Ich mag, wie du vorhin von deinem Job erzählt hast, man merkt, dass dir das wichtig ist“, hätte der Abend eine andere Richtung nehmen können. Nicht, weil das der bessere Trick ist. Sondern weil es ein anderer Blick ist.

Und genau hier wird es interessant: Warum fällt uns dieser andere Blick so schwer?

Was Komplimente über deinen Selbstwert verraten

Wer ein Kompliment macht, um etwas zurückzubekommen, macht sich von der Reaktion abhängig. Lächelt er? Sagt er auch etwas Nettes? Findet er mich auch gut? Dann hängt an jedem Satz ein Stück Selbstwert, und das spürt das Gegenüber.

Wer dagegen nicht auf die Antwort angewiesen ist, kann ein Kompliment einfach stehen lassen. Es ist dann kein Angebot mit Bedingung, sondern eine kleine Mitteilung: So sehe ich dich gerade. Was der andere damit macht, ist seine Sache. Genau das macht Komplimente leicht, und genau das macht sie anziehend.

Jonas merkt später, dass sein Satz beim Date eigentlich eine Frage war. Wenn du gut genug für mich bist, bin ich dann auch gut genug für dich? Beim nächsten Date probiert er etwas anderes. Er sagt, was ihm gefällt, und lässt es stehen. Eine Garantie ist das nicht. Aber er bleibt dabei bei sich.

Wenn du magst, nimm dir einen kleinen Gedanken mit: Wann hast du zuletzt einem Mann ein Kompliment gemacht, und worüber eigentlich? Über seinen Körper oder über etwas, das er gewählt hat? Du musst daran nichts ändern. Es reicht, es zu bemerken.

Komplimente sind klein. Aber sie zeigen ziemlich genau, ob wir jemanden bewerten oder sehen. Und sie lassen sich lernen.

Gregor Schmidinger ist psychologischer Berater und klinischer Sexologe in Wien. Er arbeitet mit schwulen und queeren Männern zu Selbstwert, Beziehung und Sexualität, und ist selbst einer. Mit Gerald VDH macht er den Podcast Warme Bros.

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